Giovanni Guidon: Tagebuchblätter  -   Gezeichnete Meditationen    

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Giovanni Guidon wurde 1948 in Samedan /GR als achtes Kind in eine Pfarrfamilie geboren. Das steril - puritanische Hausklima, in dem einzig akademische Bildung etwas zählte, stempelte ihn, den verträumten, künstlerisch begabten Jungen, schon früh zum "Aussenseiter". Seine vielseitigen, kreativen Talente wurden weder erkannt noch gefördert. Von Anfang an war er auf sich allein gestellt und gezwungen, seinen eigenen Weg zu finden. Ausgebildet unter anderem als Bauführer und Swissair-Steward, übte er im Lauf der Jahre die verschiedensten Berufe aus, immer auf der Suche nach einer Möglichkeit, sein persönliches Freiheitsbedürfnis mit einem Broterwerb zu verbinden. Schmerzhafte Rückschläge waren vorprogrammiert. Um trotz allem seine Identität und seine innere Freiheit nicht zu verlieren, begann Guidon, vielleicht aus Verzweiflung, vor über 30 Jahren, zeichnend zu meditieren. Jede Erfahrung - Krankheit, Tod, Einsamkeit, Liebe, Sexualität, Eifersucht - wurde in einer Art Tagebuch verarbeitet. Was da spontan aufs Papier "floss", half ihm, seine Ängste und Aggressionen los zu werden, immer wieder seine Mitte und Versöhnung mit der "Aussenwelt" zu finden. Eher erstaunt nahm Guidon im Jahre 1994 zur Kenntnis, dass seine "Tagebuch-Blätter" auch Freunde und Bekannte interessierten. Der Kunstmaler und Freund, Manlio Del Curto aus dem Tessin, drängte ihn dazu, die Federzeichnungen einer breiteren Öffentlichkeit zu zeigen. Verschiedene Ausstellungen, in den Kantonen Tessin, Aargau und Zürich brachten ihm anschliessend grosse Anerkennung und viel Erfolg. Als Autodidakt erliegt Guidon keiner Kunst- oder Modeströmung. Seine Zeichnungen widerspiegeln, durch ihre eigenwillige Strichführung, seelische Zustände, die unvermittelt nachempfunden werden können. Kaum ein Betrachter wird sich dieser direkten Sprache entziehen. Immer wieder trifft einen die Aussage eines einzelnen Bildes zutiefst, sei es, indem es längst verloren geglaubte Gefühle wachrüttelt, sei es, dass sie einen in einer zwiespältigen Situation zum Ausgleich und zu neuer Harmonie führt. Guidons Werke bestechen durch ihre unbändige Ausdruckskraft einerseits, anderseits durch ihren sensiblen Humor. In seiner reifen, originalen Bildsprache gelingt es dem Künstler, zwischen Aufschrei und Trost, zwischen Enttäuschung und Zuversicht, zwischen bitterer Anklage und heiterer Versöhnung ein subtiles Gleichgewicht herzustellen. Die Ausstellung "Tagebuch - Blätter" wird manchen Besucher zu Ruhe und Bewegung, zum Insichgehen und Aussichheraustreten animieren.

5. Januar 1999 Eva Alder